Die Litera-Hörspiele des VEB Deutsche Schallplatten DDR
 

"Kinderhörspiele" sind eindeutig ein deutsches Phänomen. In keinem anderen Land Europas gibt es eine solche Vielfalt an spannenden Hörspielproduktionen, die sich seit Jahrzehnten einer ungebrochenen Beliebtheit erfreuen. Die Kassettenkinder-Sozialisation einer ganzen Generation ist dabei seit den späten 1960er Jahren vor allem mit einer Firma eng verbunden: Europa - zumindest in West-Deutschland! Doch wie sah es hinter dem eisernen Vorhang des Kalten Krieges aus, der aus Stein gemauert unüberwindlich quer durch Deutschland, durch Europa und die gesamte Welt lief?

Meine frühesten Erinnerungen an die jüngste deutsche Geschichte sind eng verbunden mit "Freß-Paketen", die meine Eltern regelmäßig an entfernte Verwandte in der "Zone" - wie meine Oma die DDR bezeichnet hat - schickten. Manchmal bekamen wir als Dank für die versandten Dinge des Alltags ebenfalls kleine Präsente, z.B. Holzfigürchen aus dem Erzgebirge, und ich Knirps konnte nicht ganz begreifen, warum die Menschen im "anderen Deutschland" diesen schönen Kitsch freudig gegen Rasierklingen und Kaffee eintauschten, die es doch in jedem Supermarkt zu kaufen gab... Irgendwie dämmerte mir, daß es "da drüben", bei den Kommunisten, fürchterlich sein mußte! So drang in den frühen 1980er Jahren die Zeitgeschichte in mein behütetes Kinderzimmer ein, welches noch von Aschenputtel, dem Verkehrskasper, Winnetou und Pumuckl bevölkert war.
Damals wäre ich gar nicht auf den Gedanken gekommen, es könne hinter der Mauer Kinderhörspiele geben, und ich muß gestehen, ich habe die Vielfalt der Litera-Produktionen erst durch Flohmarkt-Funde in den letzten Jahren mit zunehmender Begeisterung entdeckt, lange nachdem meine kindlichen Schreckensvisionen vom sogenannten Ostblock 1989 wiederum von der Geschichte revidiert worden sind.

Hört man sich durch die verschiedenen Hörspielproduktionen für Kinder des VEB Deutsche Schallplatten, kommt man nicht umhin, das "Erbe der Kassettenkinder" (Anette Bastian) als gesamtdeutsches Phänomen zu betrachten. Dieser Eindruck wird durch die zahlreichen begeisterten Gästebucheinträge auf den Webseiten www.ddr-hoerspiele.de und www.ddr-hoerspiele.net verstärkt. "Pitti", "Moppi", "Schnattchen" und die anderen Helden der DDR-Kinderzimmer haben mindestens den gleichen Eindruck auf ihre jugendlichen Fans hinterlassen wie die Drei Fragezeichen, Fünf Freunde oder Bibi Blocksberg auf uns "Wessis". Ein entscheidender deutsch-deutscher Unterschied liegt jedoch darin, daß auch die "ostalgischen" Erinnerungen an die heile Welt der Kindheit durch die STASI überschattet werden: So erzählt eine betroffene Sprecherin im Gästebuch, von einem Musiker-Kollegen bespitzelt worden zu sein. Ob man angesichts dieser geschichtlichen Verquickung unbedingt - wie in einem weiteren Eintrag gesehen - fordern muß "Es lebe die DDR-Pädagogik!", sei dahingestellt. Trotzdem sollte man den zahlreichen Litera-Produktionen Gerechtigkeit widerfahren lassen, denn die Hörspiele zeichnen sich durch eine sehr hohe künstlerische Qualität aus und sind weitgehend frei von Ideologie - zumindest die mir bisher bekannten. Besonders überzeugt haben mich die Vertonungen klassischer Kinder- und Jugendbücher wie "Tom Sayer", "Huckleberry Finn" und die "Schatzinsel" mit ihrer unaufgeregten Art der Inszenierung.

Anders als manche Europa-Produktion kommen diese Abenteuer ohne übermächtige Hintergrundatmosphäre aus, und die Musik nimmt keinen so breiten Raum ein, wodurch das Gehör auf das Wesentliche, nämlich die Handlung gelenkt wird. Auch bei der Besetzung der Sprecherrollen fällt dem aufmerksamen Hörer sofort ein deutlicher Unterschied zu den "typischen" West-Kinderhörspielen der 1970er Jahre auf: Die Stimmen sind oft zu "alt" für die dargestellten Charaktere (so z.B. in "Huckleberry Finn"). Scheinbar verzichtete man häufig darauf, die Geschichten mit Kindern aufzuzeichnen. Sieht man von den tschechischen Geschichten Spejbl und Hurvínek einmal ab, fehlen zudem offensichtlich die Hörspielserien. Die meisten Litera-Produktionen erinnern vom Stil an Hörspiele aus der Zeit vor Heikedine Körting und zeichnen sich durch eine "gelassenere" Art der Inszenierung aus, die man bei den heutigen Vertonungen oftmals vermißt. Umso schöner also, daß immer mehr alte "DDR-Hörspiele" wieder auf CD veröffentlicht werden.



Nicht nur die gezeichneten Cover der Litera-Produktion können beeindrucken!

Michael


Sehr aufschlußreiche Informationen über die Geschichte des VEB Deutsche Schallplatten Berlin und das Litera-Label der DDR bietet die Webseite www.ddr-hoerspiele.net

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